Zuchtziel

Natürlich möchte auch ich ‚gesunde, wesensfeste und typische Retriever‘ züchten. Aber reicht eine solche Aussage oder ist sie nicht dazu verdammt, ein bloßes Lippenbekenntnis zu bleiben, solange sie nicht konkretisiert wird?

Mein Augenmerk liegt in erster Linie zunächst auf einem gesunden Wesen, dann auf körperlicher Gesundheit und schließlich auf Rassetyp, denn ich bin davon überzeugt, dass ein problematisches Wesen im Sinne von übermäßiger Aggression oder Ängstlichkeit die größten (und dann am wenigsten beeinflussbaren) Beeinträchtigungen für Hund und Halter mit sich bringen kann.

Natürlich gibt es auch körperliche Erkrankungen, die teils vollständig, teils weitgehend aber teils auch kaum kontrollierbar sind. Die Berücksichtigung der Ergebnisse derzeitig verfügbarer Gentests (EIC, DM, prcd-PRA) in der Zuchtplanung ist eine Selbstverständlichkeit. Weitere Erkrankungen wie z.B. HD und ED können nicht vollständig ausgeschlossen, ihre Auftretenswahrscheinlichkeit aber durch entsprechende Auswahl der Deckpartner reduziert werden. Problematisch bleibt derzeit noch die Epilepsie, da es weder einen Gentest noch andere prädiktive Instrumente und letztlich auch keine ausreichend belastbaren Daten hinsichtlich der Häufigkeit unter den Nachkommen bestimmter Vererber gibt. Weitere Ausführungen zur Gesundheit habe ich hier gemacht.

Bezüglich des Exterieurs wünsche ich mir Hunde, die durchaus in der Lage sind, gemäß Standard (aber nicht unbedingt nach dessen Interpretationen) auch im Showring zu bestehen.  Bezüglich der Arbeitseigenschaften wünsche ich mir viel Bewegungsfreude bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Ruhe und Besonnenheit und viel Trieb, der gleichzeitig bei korrekter Ausbildung gut kontrollierbar bleiben sollte. Letztlich möchte ich also einen „dualen“ Chessie bzw. einen Chessie, der die Vielseitigkeit der Rasse am Individuum erkennbar macht.

Seit vielen Generationen haben viele Züchter für die Rasse eine tolle Arbeit geleistet. Aber schon an diesen wenigen o.g. Punkten gemessen wird deutlich, dass weder meine Hunde noch andere alle Anforderung  umfänglich erfüllen können. Dies gilt auch für in Betracht kommende Deckpartner.

Hinzu kommen neben den Einschränkungen der Auswahl durch die Berücksichtigung von Gesundheitsergebnissen auch die Beschränkungen, die sich durch die Verwandschaftsbeziehungen der Hunde untereinander ergeben, denn Zucht bedeutet nicht nur Verpaarung + Aufzucht, auch wenn dies ganz wichtige Punkte sind und natürlich besonders den Welpenkäufer interessieren. Vielmehr bedeutet Zucht, dass der Mensch Evolution oder Gott spielt, je nachdem, woran man glaubt. Und in beiden Konzepten ist gut an die Zukunft gedacht und an den Erhalt der Art (die ist natürlich nicht gefährdet, wir sollten das Konzept auf die Rasse übertragen), auch unter wechselnden Bedingungen.

Und so muss insbesondere bei einem kleinen Genpool und geschlossenem Zuchtbuch auf den Erhalt der genetischen Vielfalt in einer Rasse geachtet werden. Die Linienzucht als das Mittel der Wahl zur Verfestigung bestimmer Merkmale ist nur bedingt anwendbar, weil sie die Variabilität reduziert, die „Mischlingszucht“ auf der anderen Seite zerstört die „Linien“ und macht zunehmend Entwicklungen und Verbesserungen genauso zu Zufallsprodukten wie das Auftreten von erblichen Erkrankungen. Jegliche Vorhersagbarkeit nimmt ab, ohne dass die Defektgene dadurch verschwinden.

Insgesamt steht man bei jeder züchterischen Entscheidung also vor einer nahezu  unüberblickbaren Gemengelage und es werden IMMER Kompromisse auf verschiedenen Ebenen nötig sein, z.B. Kompromisse zwischen Gesundheit, Typ und Wesen, denn es gibt den perfekten Hund aus der perfekten Ahnenreihe nicht. Aber auch der Kompromiss zwischen einem vermeintlich „sicheren“ Wurf und der züchterischen Perspektive, denn der Züchter sollte auch in Generationen und im Sinne der Rasse denken.

Letztlich ist es sogar so, dass die berechtigten kurzfristigen Interessen der Welpenkäufer (nach einem gesunden Hund) und des Züchters (nach vielen zufriedenen Welpenkäufern) mitunter den Interessen der Rasse entgegen stehen. Z.B. könnte es sinnvoll sein, weniger Würfe mit den selben Zuchttieren, dafür schneller mit deren Nachzucht oder noch nicht eingesetzten Geschwistern zu machen und ggf. auf einen Rüden zurückzugreifen, der vom Pedigree interessant ist, aber möglicherweise nicht so sicher gute Hüften vererbt. Dabei würde möglicherweise für Welpenkäufer und Züchter das Risiko steigen (aber vielleicht die langfristige Chance wachsen, auch in 30 Jahren noch einen guten Chessie bekommen zu können).

Zusammengefasst würde ich mein Zuchtziel also etwa so formulieren: Mit Priorität auf Wesen die vernünftigsten Kompromisse für alle Beteiligten unter Berücksichtung der weiteren Entwicklung der Rasse finden.

Leider klingt das nicht besonders vielversprechend, ist aber wohl realitätsgerechter als manche nicht einzuhaltende Versprechung.